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Malsesson: Sita im Krefelder Zoo 2007

Malsesson: Sita, 2007

"Jeder Künstler ist ein Mensch."
(Martin Kippenberger)

Sie sind kulturell absolut unbedarft – zumindest in Sachen bildender Kunst. Gleichwohl, sie malen - konzentriert und leidenschaftlich.

Die 'Arbeiten' der Krefelder Orang-Utans entführen den Betrachter über Äonen zurück in eine Zeit, als die Gattung Mensch noch nicht war. Gleichwohl hatte die Evolution bereits einen Sinn für Komposition, Gestaltung und Ordnung hervorgebracht, ihn in ein 'Ästhetik-Modul' gegossen und tief im Primatenhirn verankert.

Rund 13 Millionen Jahre und einen komplexen Stammbaum hominider Formenvielfalt später, irgendwann zu Beginn des 20. Jahrhunderts, entdeckte Homo sapiens erstaunt die kompositorischen Begabungen seiner Gattungsnachbarn. Und warf so einen ersten Blick auf die genetischen Basics des eigenen ästhetischen Bewusstseins.

 
Malsesson: Sita im Krefelder Zoo 2007

In der Mitte des Jahrhunderts, der abstrakte Expressionismus war gerade en vogue, wurde die Affenmalerei ob ihrer äußerlichen Nähe zu diesem Stil zum Medienthema. Nobilitiert durch Ausstellungen, etwa im Institute of Contemporary Arts, blickte eine interessierte Öffentlichkeit gebannt auf die tierischen ‚Künstler’. Der Star unter ihnen hieß Congo, ein Schimpanse, der während seiner zweijährigen Schaffensperiode rund 400 Blätter produzierte. Drei von ihnen kamen unlängst im Londoner Auktionshaus Bonhams für insgesamt 21.515,00 Euro unter den Hammer.

Doch ist es ‚Kunst’, was der amerikanische Sammler dort ersteigerte? Immerhin hat der Verhaltensforscher Desmond Morris die Affenbilder mit Werken des Tachismus verglichen, einer Richtung der informellen Malerei, die Empfindungen durch spontanes und jede rationale Kontrolle vermeidendes Auftragen von Farbflecken auf die Leinwand auszudrücken sucht.

 
Malsesson: Sita im Krefelder Zoo 2007

Kunst – der Begriff ist Verhandlungssache. Im Laufe der Jahrhunderte und in den verschiedenen Kulturen hat er einen steten Bedeutungswandel erfahren, tut es noch. Werkbezogen lautet eine populäre Formel: Kunst ist das Ergebnis eines kreativen Prozesses. So gesehen: Sita und Co. sind kreativ, zumindest rudimentär. Und die Produkte ihres Tuns sind deshalb auch Kunst.

Oder aber eine der Prämissen ist falsch.

Weitgehend unstrittig ist, dass einfache, kreative Leistungen zum Repertoire der Menschenaffen gehören, mithin biologisch verankert sind. Auch der renommierte Primatenforscher Frans de Waa geht davon aus, dass der "Keim der Ästhetik" bei Menschenaffen bereits aufgegangen sei. Und Desmond Morris postuliert einem dem Menschen wie dem Affen angeborenen Trieb, sich ästhetisch auszudrücken.

Problematisch jedoch ist das In-Eins-Setzen von Kreativität und Kunstproduktion. Denn wenn Kreativität biologisch fundiert ist, führt das mit fataler Zwangsläufigkeit zu einem naturalisierten Kunstbegriff. Die Konsequenz: Unterschiede zwischen biologischen Anlagen und gesellschaftlichen Prozessen werden eingeebnet.

 
Sita, Wachsmalfarben auf Papier, 2007

Congo, Barito, Jackson Pollock und Gerhard Richter – sie dürfen dann in einem Atemzug genannt werden. Denn sie alle machen Kunst. Wenn auch auf unterschiedlichen Niveaus.

Um solch absurde Nivellierungen zu vermeiden, gilt es, einen biologisch verfassten Kreativitätsbegriff aus dem Zentrum der Kunstdefinition zu entfernen. Die Kunsthistorikerin Susanne Leeb schlägt deshalb vor, „Kunst auf einer Verbindung von Materialität und Intelligibilität zu begründen“.*

Sie verweist damit auf das Zusammenspiel von Genetik und Gesellschaft: ein dynamisches System, in dem sich die Fähigkeit von Homo sapiens entwickelt hat, Zusammenhänge ohne sinnliche Wahrnehmung, nur durch den Intellekt zu erfassen. Diese intelligiblen Leistungen gehören sozusagen zum substanziellen Kern dessen, was Mensch ausmacht, zu seinem Gattungswesen. Und Kunst ist dessen Erscheinungsform. Sie zeigt sich dort, wo Reflexionen über Ich, Gesellschaft und Welt ihren kreativen Ausdruck finden.

Damit wäre das enge Konstrukt einer quasi naturhaften Beziehung zwischen Kreativität und Kunst vom Tisch. Zugunsten eines Konzeptes, das die schöpferischen Potenzen von Mensch primär auf dessen intellektuelle Fähigkeiten zurückführt.

 
Sita, Wachsmalfarben auf Papier, 2007

So gesehen ist 'Affenkunst' keine Kunst. Gleichwohl sind die ‚Arbeiten’ von Sita, Tilda und Barito wert, in diesem Kontext betrachtet zu werden: als eindrucksvolle Belege einer rudimentären, ästhetischen Kompetenz. Und einer vitalen Kreativität, die sie spielerisch auf Höhe ihres Evolutionsstandes ausagieren. Vielleicht wäre eine angemessene Deklaration ihrer Zeichnungen und Bilder der Begriff 'affenBRUT' – in Anlehnung an den Begriff 'Art brut'. Der meint die rohe und kulturell unverfälschte Kunst von gesellschaftlichen Außenseitern, die ihre Kreativität nicht entlang zivilisatorischer Schablonen ausleben, nicht eingezwängt sind von den vorherrschenden Rastern der Ästhetik – zumindest tendenziell.

Sita und Co. sind Outsider par excellence, genetisch verbürgt. Ihre Ausdrucksformen sind absolut originär und ‚unverbildet’. Denn der fundamentale Bezugspunkt von affenBRUT liegt vor dem Anfang aller Zivilisation. Und deshalb ist affenBRUT für den Menschen auch so faszinierend – eins aber ist sie nicht: Kunst.


* Leeb, Susanne: Kreativität im Mensch-Tier-Vergleich. Berlin 2007.
www.bbooks.de/texteprojekte/txt/leeb.htm (22.09.2007).

 

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in Kooperation mit dem Zoo Krefeld / Impressum

 


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