Heinz Hachel, Kunstbüro Düsseldorf
Heinz Hachel

Ist es Kunst?

von Heinz Hachel, Kunstbüro Düsseldorf

»Jeder Künstler ist ein Mensch«, hielt der Neue Wilde Martin Kippenberger einst den anthroposophisch-okkulten Verwirrungen seines Kollegen Joseph Beuys entgegen. Ein starker und richtiger Satz. Auch wenn man ihn, was von Kippenberger so nicht intendiert war, im Kontext der Affenmalerei liest.

Sicher, man steht vor den Bildern und denkt »Wow! Das hat ein Affe gemalt?« Vielleicht kommt einem sogar der renommierte Primatenforscher Frans de Waal in den Sinn, der davon ausgeht, dass der »Keim der Ästhetik« bei Menschenaffen bereits aufgegangen ist. Oder der Verhaltensforscher Desmond Morris, der einem dem Menschen wie dem Affen angeborenen Trieb postuliert, sich ästhetisch auszudrücken.

Barito 0285, 2014, 40 x 50 cm, Acryl auf Leinwand
Barito 0285, 2014, 40 x 50 cm, Acryl auf Leinwand

Mag alles sein. Gerade wenn man erlebt, wie konzentriert, leidenschaftlich und weltvergessen Menschenaffen ans Werk gehen. Nicht zufällig vergleicht Morris die Affenmalerei mit den Werken des Tachismus, einer Richtung der informellen Malerei, die Empfindungen durch spontanes und jede rationale Kontrolle vermeidendes Auftragen von Farbe auf die Leinwand auszudrücken sucht.

Damals, Ende der 50er Jahre, der abstrakte Expressionismus war gerade en vogue, wurde die Affenmalerei ob ihrer äußerlichen Nähe zu diesem Stil zum Medienthema. Nobilitiert durch Ausstellungen, etwa im Institute of Contemporary Arts, blickte eine interessierte Öffentlichkeit gebannt auf die tierischen Maler.* Doch war es Kunst, die dort gezeigt wurde? Ist es Kunst, was Barito heute produziert? Darf sein Name (wenn auch hinter vorgehaltener Hand) in einem Atemzug mit Jackson Pollock, Rosemarie Trockel oder Gerhard Richter genannt werden?

2009: Sita selig bei der Arbeit ...
2009: Sita selig bei der Arbeit ...

Kann ich auch! Wohl jeder kennt diese flapsige Entwertung moderner Kunst. Um ein griffiges Beispiel zu wählen: Das auf weiße Leinwand gemalte Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch (1915) ist nicht nur ein schwarzes Quadrat auf weißer Leinwand. Es steht für die, so seinerzeit der Künstler, »Empfindung der Gegenstandslosigkeit«.

Das Bild ist Konzept und Schlussakkord eines langen Prozesses, in dem Malewitsch sich intensiv mit Kunstgeschichte und Politik, Ökonomie und Philosophie auseinandersetzte. Nicht das Sichtbare, viel mehr das Unsichtbare ist hier die Kunst, der bloße Farbauftrag wird da zu etwas eher Nachgeordnetem. Und auch der Tachismus, der jenseits aller rationalen Einfriedung und jedweder Konvention pure Emotion auf die Leinwand bringen wollte, versuchte das auf Basis einer ausformulierten Konzeption. 

Barito 0279, 2014, 60 x 80 cm, Acyl auf Leinwand
Barito 0279, 2014, 60 x 80 cm, Acyl auf Leinwand

Die Kunsthistorikerin Susanne Leeb schlägt vor, »Kunst auf einer Verbindung von Materialität und Intelligibilität zu begründen«.* Damit verweist sie auf das enge Zusammenwirken von Genetik, Gesellschaft und dem kognitiven Vermögen des Einzelnen: einem dynamischen System, in dem sich die Fähigkeit von Homo sapiens entwickelte, Zusammenhänge ohne sinnliche Wahrnehmung, nur durch den Intellekt zu erfassen.

Diese intelligiblen Leistungen gehören zum substanziellen Kern dessen, was Menschsein ausmacht. Sie gehören zu unserem Gattungswesen. Und Kunst zählt zu dessen Erscheinungsformen. Sie zeigt sich dort, wo Reflexionen über Ich, Gesellschaft und Welt ihren bildnerischen Ausdruck finden.

Barito 0294, 2014, 70 x 100 cm, Acyl auf Leinwand
Barito 0294, 2014, 70 x 100 cm, Acyl auf Leinwand

So definiert kann die Malerei unserer Gattungsnachbarn nicht als Kunst betrachtet werden. Gleichwohl sind ihre Arbeiten eindrucksvolle Belege einer rudimentären, ästhetischen Kompetenz. Und einer vitalen Kreativität, die sie spielerisch auf Höhe ihres Evolutionsstandes ausagieren.

Doch was ist es, dass Menschen an der Affenmalerei so ungemein begeistert? Der Motive gibt es viele: Tierliebe, dekorative Aspekte, die Exotik des Objektes. Vor allem aber fasziniert wohl das Originäre und Unverstellte in den Bildern, das auf das zivilisatorisch gebändigte Wilde in uns selbst zu verweisen scheint. Besonders Künstler teilen diese Sicht der Dinge. Als Jörg Immendorf sein Alter Ego als Malaffen stilisierte, hob er, bei allem semantischen Reichtum der Metapher, auch auf dieses Animalische ab. Doch das kann, wiewohl in der Kunst so oft beschworen, von Homo sapiens selbst nur als Attitüde praktiziert werden. Die Komplexität unseres Großhirns lässt anderes nicht zu.

Und so sitzen die wahren Tachisten in den Gehegen und tun dort, was sie im originalen Habitat wohl niemals tun würden. Sie sitzen da und malen. 

 

* Der Star unter den Affenmalern aus dem Londoner Zoo hieß Congo, ein Schimpanse, der während seiner zweijährigen Schaffensperiode rund 400 Blätter produzierte. Drei von ihnen kamen unlängst im Londoner Auktionshaus Bonhams für insgesamt 21.515,00 Euro unter den Hammer.

** Leeb, Susanne: Kreativität im Mensch-Tier-Vergleich. Berlin 2007.
www.bbooks.de/texteprojekte/txt/leeb.htm (22.09.2007)

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